KrakelKollektiv - Interview mit Anka Schwelgin


1. Wie bist du Illustratorin geworden? Gab es einen Schlüsselmoment, an dem du wusstest: Das will ich beruflich machen?
Ich habe sehr lange den Wunsch mit mir herumgetragen, Kinderbücher zu schreiben und diese auch zu illustrieren. Das gehörte in meinem Kopf einfach zusammen. Ich habe mich aber sehr lange nicht getraut, vielleicht gerade, weil es so ein wichtiger und großer Wunsch war. Ich bin sehr vielen kreativen Betätigungen nachgegangen, habe immer gezeichnet, gemalt, geschrieben, genäht, getöpfert, gedruckt. Aber im Rückblick kann ich sehen, dass ich auf der Suche war nach einer künstlerischen Ausdrucksform, die zu mir passte.
Irgendwann habe ich es tatsächlich gewagt und meine erste Geschichte geschrieben, illustriert und damit ein kleines Heft gedruckt - mein erstes eigenes Büchlein. Das war ein Schlüsselmoment, der mir große innere Antriebskraft gegeben hat weiterzumachen. Diese Begeisterung, die ich damals verspürte, durchströmt mich auch heute noch, wenn ich an neuen Buchideen tüftele oder mir ein Text zum Illustrieren angeboten wird, der mich begeistert.
Ich habe mir auf verschiedenen Wegen all das beigebracht, was man wissen muss, um Geschichten zu schreiben und zu illustrieren.
Von Anfang an bin ich auf Verlage zugegangen mit eigenen Geschichten. Zunächst wurde ich nur als Illustratorin gebucht. Aber es dauerte gar nicht lange und die ersten Verlage fanden auch meine Geschichten interessant und wollten diese veröffentlichen.

2. Arbeitest du lieber digital oder analog oder beides? Und warum?
Eigentlich komme ich vom analogen Malen, habe lange Jahre Aquarell- und Zeichenunterricht gehabt und später mit Gouache und Buntstiften gearbeitet. Aber als ich in die bezahlte Buchillustration eingestiegen bin, die auch gern mal mit strammen Terminplänen einhergeht, erschien mir das zu langsam und unflexibel.
Also bin ich ins kalte Wasser gesprungen und habe angefangen, digital zu illustrieren. Im Prinzip ahme ich dort meinen analogen Prozess Schritt für Schritt nach. Es dauert ebenfalls seine Zeit, denn ich zeichne nach wie vor alles von Hand, nur eben auf einem Zeichentablet. Man spart aber arbeitsintensive Arbeitsschritte, wie das Aufspannen von Papier, das Trocknen der Farben und später das Digitalisieren.
Zudem hat das Digitale den Vorteil, dass ich Bildelemente leichter verschieben kann, Farben schnell ändern oder Einzelelemente aus der Illu herauslösen kann. Diese Flexibilität ist vielen Verlagen wichtig.
Ich versuche inzwischen, die besten Elemente beider Arbeitsweisen zu verbinden. Skizzen entstehen bei mir immer noch von Hand in meinem Skizzenbuch. Mir ist wichtig, die Lockerheit aus den Skizzen in die spätere Illu mitzunehmen. Außerdem arbeite ich viel mit analogen Strukturen, dadurch wirken die Illustrationen noch handgemachter. In meinem letzten Buchprojekt habe ich die Illus komplett mit Bleistift gezeichnet und dann am Computer farbig gestaltet. Es tut mir gut, immer wieder mit Variationen des Prozesses zu spielen und das Ganze so für mich spannend zu halten, denn ich langweile mich recht schnell.
Freie Illustrationen entstehen immer noch mit Stift und Farbe in meinem Skizzenbuch und manchmal male ich auch Bilder auf Leinwand, einfach zum Spaß für mich.
3. Bist du eher Einzelkämpferin oder Gruppentier?
Ich mag beides. Schreiben und Zeichnen ist ein Prozess, bei dem man viel mit sich allein ist. Und ich bin gern allein, ich bin introvertiert und brauche das Alleinsein, um aufzutanken. Aber gleichzeitig sehne ich mich nach künstlerischem Austausch und Gemeinschaft. Deshalb bin ich Mitglied bei den Hamburger Elbautoren, in der IllustratorenOrganisation und im Krakelkollektiv. Außerdem treffe ich mich gern mit KollegInnen zum Austausch, besuche Messen und Veranstaltungen rund um die Themen Kinderbuch, Illustration oder Kunst im allgemeinen.

4. Wie würdest du deinen Stil beschreiben?
Meine Illustrationen stecken voller Humor und Liebe. Kräftige, leuchtende, lebensbejahende Farben gehören für mich unbedingt dazu. Ich mag schöne Lichtstimmungen. Die Natur ist eine große Inspirationsquelle für mich.
Ich finde es toll, für jedes Buch eine ganz eigene kleine Welt entstehen zu lassen, in einer speziellen Farbpalette, mit vielen individuellen Eigenheiten.
5. Wer waren deine Kindheitshelden und warum?
Als Kind in der DDR bin ich mit anderer Literatur aufgewachsen als die Kinder in der Bundesrepublik. Klassiker unter den Kinderbüchern in der DDR waren z.B. „Die Weihnachtsgans Auguste“ von Friedrich Wolf, „Die Eisenbahn hat Stiefel an“ von Waldemar Spender / Karl-Heinz Appelmann, „Bei der Feuerwehr wird der Kaffe kalt“ von Hannes Hüttner / Gerhard Lahr, „Der kleine Angsthase“ von Elisabeth Shaw… wenn ich länger nachdenke, fallen mir wahrscheinlich noch viele weitere ein. Zudem hatten wir Übersetzungen von polnischen, russischen oder tschechischen Büchern mit wunderschönen Illustrationen. Die umfangreichen Tiererzählungen des ungarischen Autors István Fekete habe ich besonders geliebt und auch die Verfilmungen seiner Bücher.
Bei uns zu Hause wurden Märchenbücher hoch und runter gelesen, egal ob von Wilhelm Hauff, Hans Christian Andersen und natürlich die Sammlungen der Gebrüder Grimm.
Ich mochte auch gruselige Erzählungen wie Bulemanns Haus von Theodor Storm, kuriose Geschichten von Roald Dahl und natürlich Micheal Endes Unendliche Geschichte.
Aber auch das Fernsehen hatte Einfluss auf mich: Der kleine Maulwurf, Animationsfilme aus dem Studion Gibli (Das letzte Einhorn, Heidi), die Disneyverfilmungen, Die Sesamstraße, Die Muppets, Die Fraggels - das habe ich alles mit Begeisterung aufgesogen.

6. Welche Art von Projekten reizen dich besonders?
Ich mag kreative Freiheit und eigenen Gestaltungsspielraum, zu viele Vorgaben engen mich schnell ein. Schön finde ich, wenn der Text den Illustrationen nicht zu viel vorwegnimmt. Dann kann ich viel mehr einbringen und das Buch wird ein echtes Gemeinschaftsprojekt. Ich sehe mich weniger als Auftragszeichnerin, sondern eher als kreative Partnerin im Prozess. Wenn jemand mit einem KI-generierten Bild kommt und sagt: “Bitte das, aber in ihrem Stil“, bin ich raus.
Die Projekte, die mich reizen, schreibe ich mir einfach selbst. Aber es gibt auch immer wieder Anfragen mit ganz besonderen Geschichten, wo ich mich wirklich unglaublich freue, dass ich dazu meine Illustrationen beisteuern kann.
7. Gibt es Dinge, die du in deinem Beruf gar nicht magst?
Den ganzen Bürokram, also Buchhaltung, Steuern usw. schiebe ich gern so lange vor mir her, bis der Termin vor der Tür steht - dafür habe ich mir auch Hilfe geholt, weil es im Laufe der Jahre immer umfangreicher wurde.
Die Notwendigkeit, als Autorin und immer mehr auch als Illustratorin sichtbar zu sein ist ein weiterer Punkt, mit dem ich hadere. Ich habe einfach keine Lust „Content“ zu kreieren, damit Social-Media-Plattformen Geld verdienen - eventuell im Austausch für Sichtbarkeit. Man kann sich nicht vorstellen, wie viel Zeit es in Anspruch nimmt, einen halbwegs vernünftigen Post oder ein Video zu erstellen. Meine Social Media Profile betreibe ich eher halbherzig und suche stattdessen auch nach alternativen Wegen der Sichtbarkeit, wie Veranstaltungen mit den ElbautorInnen, Lesungen mit meinen Büchern oder Interviews für Magazine, Zeitungen oder Podcasts.
Meine kreative Energie soll in erster Linie in meine Bücher fließen, in gute Geschichten und schöne Illustrationen.
8. Magst du deinen Lieblingsplatz verraten, an dem du neue Energie tankst, wenn du einmal keine mehr hast?
Mit unserem Familienhund habe ich über die Jahre alle Wälder in der Umgebung erkundet. Da gibt es wunderschöne Natur und Plätze, die ich gern besuche. Für mich ist der Wald immer wieder aufs Neue ein Ort, um herunterzukommen und durchzuatmen. Aber ich liebe auch Seen und das Meer und verbinde Urlaub immer mit der Nähe von Wasser. Die Heimat meiner Kindheit, die mecklenburgische Seenplatte wird immer einen großen Platz in meinem Herzen einnehmen.


